Eine Verlegerin aus Berufung

  • Dr. Brigitte Weyl wird heute 90 Jahre alt
  • 30 Jahre lang wirkte sie an leitender Stelle
  • Der SÜDKURIER sähe ohne sie anders aus

Schon 90 Jahre alt? Wer Dr. Brigitte Weyl in ihrem Büro aufsucht, möchte das kaum glauben. Die ehemalige Gesellschafterin, Geschäftsführerin und Herausgeberin des SÜDKURIER spricht munter wie immer. Sie berichtet farbig über die frühen Jahre dieser Zeitung. Die gebürtige Münchnerin mit Berliner Zungenschlag hat die großen Zusammenhänge gleich parat. Sie ordnet längst vergangene Ereignisse ein und kann sich an alte Weggefährten gut erinnern. Bestens gelaunt zieht sie in ihrem Büro in der Konstanzer Schützenstraße Bilanz über ihre neun Jahrzehnte. Der heutige Tag empfiehlt sich für die Rückschau: Sie hat Geburtstag, den Neunziger.

Das Mobiliar in ihrem Büro erinnert bis heute daran, dass sie mehr als fünf Jahrzehnte lang im Verlagswesen aktiv ist. Die elegant geschwungenen, dunkelgrünen Ledersessel stammen aus dem Büro ihres Vaters Johannes Weyl. Sie stehen bis heute im Arbeitszimmer der Tochter. Die drei Sessel könnten manche Geschichte erzählen, zum Beispiel die Geschichte einer Tugend, die eher zu Preußen als zu Berlin passt. Frau Weyl hat sich aus bodenständiger Sparsamkeit nie von diesem stabilen Mobiliar getrennt. Warum auch, wo sie bis heute solide sind?

Eine der Ehrungen: Brigitte Weyl erhält die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg im Schloss Ludwigsburg. Günther Oettinger, damals Ministerpräsident, nahm die Verleihung 2008 vor. Bild: Wolfgang List

Die wichtigste Geschichte ist die einer ungewöhnlichen Vater-Tochter-Beziehung. Johannes Weyl (1904 bis 1989) hat wenige Monate nach dem Krieg den SÜDKURIER gegründet. Der ehemalige Ullstein-Verlagsleiter brachte die erste Ausgabe am 8. September 1945 heraus. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tochter Brigitte gerade das dritte Semester ihres Medizinstudiums hinter sich gebracht. Zielstrebig beendete sie die Ausbildung auch, legte das Examen ab und bereitete sich auf eine Tätigkeit als Ärztin vor. Doch es kam anders: 1955 kam der Ruf ihres Vaters, der sie ins Zeitungshaus holen wollte. Die einzige Tochter sagte zu. Sie arbeitete sich langsam in das Zeitungs- und Verlagsgeschäft ein. Bei der Wiener Tageszeitung „Die Presse" absolvierte sie ein Volontariat und durchlief alle Abteilungen des Blattes, um sich in die Eigenheiten des Pressewesens einzuarbeiten.

Seitdem hat sie mehr als eine Generation von Journalisten für diese Zeitung eingestellt und auch geprägt. Die Vorstellungsgespräche bei ihr (auf einem der grünen Stühle) waren legendär. Unzählige Gerüchte kursierten im Vorfeld, bevor der Kandidat für einen Arbeitsplatz dann in dem schmalen Büro vor Brigitte Weyl Platz nahm und ein möglichst günstiges Gesicht aufsetzte.

Das Gespräch selbst war unspektakulär. Alle Ängste fielen nach der Begrüßung in sich zusammen. Frau Dr. Weyl nahm Zeugnisse am Rand zur Kenntnis. Dafür schaute sie einen genau an. Der Blick fürs Diagnostische traf. Nicht die Aktenlage interessierte sie, sondern das familiäre Umfeld des Bewerbers. „Haben Sie Geschwister?," lautete eine Frage, und eine andere: „Waren Sie bei der Bundeswehr?" Schnell entspann sich ein Gespräch über die Eltern, schlechte Schulnoten oder den Dienst an der Waffe, wie das damals hieß. Daraus zog sie ihr Urteil.

„Es galt im Haus der Erfahrungssatz, dass ihrem gestrengen Auge nichts entgeht, Gutes nicht, und Fehler erst recht nicht. Mit Schlampereien oder Ungenauigkeiten in ihrer Zeitung hat sich die Verlegerin nie abgefunden", heißt es in einem Artikel zu ihrem 80. Geburtstag. Ihr Führungsstil wurde als sehr persönlich empfunden. Gern sprach sie Leute an, drückte ihnen die Hand, erkundigte sich nach dem aktuellen Familienstand. Wenn die zierliche Frau durch das Konstanzer Verlagsgebäude am Fischmarkt ging, zollte man ihr Respekt. Das war so, weil sie die Chefin war, aber nicht nur deshalb. Durch ihre menschliche Art hatte sie sich eine Autorität erworben, die im Amt nicht automatisch inbegriffen ist. Die Aura war nicht ererbt, sie war erworben.

Als Geschäftsführerin war sie für die Redaktion zuständig. Ihr Interesse an journalistischer Arbeit war unerschöpflich. Sie interessierte sich für ihre Mitarbeiter in Waldshut ebenso wie in Triberg oder in Pfullendorf. Auf ihrem Schreibtisch lag jede der 15 Lokalausgaben. So konnte sie die Arbeit ihrer Redakteure verfolgen. Ihrem wachsamen Auge entging fast nichts. Stimmte etwas nicht (was höchst selten vorkam), dann erhielt der Verfasser ein Zettelchen, auf dem die Kritik notiert war. Schlendrian mochte sie nicht.

„Nun kann ich endlich meine Biografie fertigschreiben.“
Brigitte Weyl, 90, über die kommenden Arbeiten

Als 1966 die Universität Konstanz gegründet wurde, zählte die Verlegerin zu den ersten Unterstützerinnen. „Darauf setzte ich von Anfang an", sagte sie 50 Jahre später im Rückblick. Im Gegensatz zu manchen sah sie darin eine große Chance für die doch sehr ruhige Stadt. Ihre Prognose traf ein, wie die Entwicklung der neben der Fachhochschule zweiten akademischen Einrichtung in der Stadt zeigte.

Wer die Artikel durchblättert, die über die Jubilarin erschienen sind, der staunt immer wieder. Sie bekleidete eine Vielzahl von Ämtern im ehrenamtlichen Bereich. Dabei ging es ihr weniger um dekorative Mandate im Bereich Freizeit oder Wassersport. Ihr Einsatz galt vielmehr der Zivilgesellschaft und war durchaus als Verlängerung ihrer Herausgeberschaft zu sehen. Bei der deutsch-französischen Vereinigung (DFV) in Konstanz setzte sie sich für die Aussöhnung mit Frankreich ein. Und im deutschen Presserat – einem Organ der freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Medien (siehe „Orden und Ehren"). 1989 verabschiedete sie sich von der Zeitung, die sie geformt und deren Redakteure sie eingestellt hatte. Die Übernahme dieser Zeitung durch die Stuttgarter Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck hatte den Schnitt nahegelegt; der Umschwung in der Medienbranche hatte das Haus in eine Schieflage gebracht.

Verlegerin blieb sie auch weiterhin und führte den UVK (Universitätsverlag Konstanz) sowie den Südverlag, beide in Konstanz. Bis vor Kurzem war Brigitte Weyl dort täglich anzutreffen. In den vergangenen Tagen gab sie die Verlagsführung sowie den Schreibtisch in jüngere Hände.

Freilich ist Frau Weyl nicht der Mensch, der ohne Arbeit dasitzen will und aus dem Fenster schaut. Auf die Frage, was sie in den kommenden Jahren tun wird, antwortet sie beherzt: „Nun kann ich endlich meine Biografie fertigschreiben." Stoff gibt es genug.

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Orden und Ehren
Brigitte Weyl erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch das Bundesverdienstkreuz  1. Klasse. Für ihren Einsatz für Versöhnung mit dem Nachbarn wurde sie zum Offizier des Ordre National du Mérite ernannt (Frankreich). In der Deutsch-Französischen Vereinigung (DFV) war sie an führender Position tätig. Die Universität Konstanz erhob sie als Förderin zur Ehrensenatorin. In der Deutschen Presseagentur (dpa) saß sie im Aufsichtsrat. Dazu kommt die Mitgliedschaft in der deutschen Unesco-Kommission.

 

Download Artikel als PDF (SÜDKURIER vom 12.07.2016)