"Weil Zukunft Tradition hat" - Interview mit SÜDKURIER-Geschäftsführer Rainer Wiesner

Herr Wiesner, vor 71 Jahren hat Johannes Weyl den SÜDKURIER als Tageszeitung für diese Region gegründet. Wie sieht der SÜDKURIER heute aus?

Der SÜDKURIER ist inzwischen ein großes Medienhaus. Auf der Basis der starken Tageszeitung konnten wir weitere Geschäftsfelder im Bereich Information und Kommunikation ausbauen. Dabei spielt der digitale Wandel natürlich die größte Rolle. Wir investieren seit Jahren in den digitalen Wandel und bieten umfassende Online-Angebote wie suedkurier.de und Online-Dienstleistungen für unsere Leser und Anzeigenkunden an. Das heißt, der SÜDKURIER hat sich in den vergangenen 70 Jahren nicht nur verlegerisch, sondern auch unternehmerisch weiterentwickelt.

Was bedeutet die unternehmerische Weiterentwicklung konkret?

Wir sind nach wie vor die größte Tageszeitung hier am Bodensee, im Schwarzwald und am Hochrhein. Wir bedienen über die starke Printausgabe hinaus Online-Dienste, und das nicht nur mit Tageszeitungsinformationen, sondern auch in den Nischen Tourismus und Fremdenverkehr sowie Anzeigenrubrikenmärkten. Und wir haben den Schritt nach draußen gewagt. Der SÜDKURIER ist inzwischen eine Mediengruppe mit zehn Firmen und drei Beteiligungen an den Standorten Konstanz, Freiburg und Karlsruhe. Wir sind ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor in der Region, wir beschäftigen 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 5500 Zustellerinnen und Zusteller in den Geschäftsfeldern Tageszeitung, Anzeigenblatt, Druck, Digitales, Logistik und Zustellung.

SÜDKURIER-Geschäftsführer Rainer Wiesner (rechts) im Gespräch mit Politikredakteur Dieter Löffler. Bild: Sebastian Pantel

Wo investieren Sie? Und wo nicht?

Wir sind ein sehr dynamisches Unternehmen und in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Wir investieren in alle Geschäftsbereiche, weil alle erfolgreich sind. Bei der Zeitung investieren wir stark in den digitalen Wandel, sowohl in Technologie, neue Prozesse und Arbeitsabläufe als auch in neue Köpfe und neue Talente. Im Bereich Logistik – damit meine ich die Haushaltswerbung und die Postzustellung – investieren wir in neue Sortierzentren und Sortiertechnologie. Auch dieser Markt ist ein stark wachsender Markt. Am Standort Konstanz sind uns wegen der schlechten Verkehrsanbindung leider Grenzen gesetzt. Unser großes Verbreitungsgebiet hält aber Alternativen bereit. Wir erleben gleichfalls eine nachhaltige Wachstumsphase bei den Anzeigenblättern. Gedruckte regionale Informationen haben weiterhin einen festen Stellenwert bei unseren Leserinnen und Lesern, sei es als Tageszeitung im Abonnement oder als Wochenzeitung in der Gratis-Zustellung.

Der SÜDKURIER hat sich im Lauf der Geschichte fortwährend verändert, inhaltlich wie auch optisch. Wieviel Tradition steckt trotz aller Veränderung in ihm?

Das stimmt, der SÜDKURIER hat sich stetig modernisiert, aber ohne seine Wurzeln in der Region zu vergessen. Wir haben über mehrere Layout-Veränderungen und den Schritt in digitale Angebote hinein die Modernisierung weiter vorangetrieben, ohne die alten Stärken zu vernachlässigen. Es ist natürlich eine Herausforderung in Zeiten der sozialen Medien die Nähe zu den Leserinnen und Lesern nicht zu verlieren. Uns hilft hier aber die Starke Marke SÜDKURIER und das damit verbundene Qualitätsversprechen.

Wie steht der SÜDKURIER im bundesweiten Vergleich da?

In unserer Region können wir uns glücklich schätzen. Wir wirken hier in einem landschaftlich schönen und wirtschaftlich gesunden Gebiet. Der SÜDKURIER ist ein stabiles Zeitungsunternehmen von hoher Qualität. Dafür sprechen auch die vielen Journalistenpreise, die wir in den letzten Jahren regelmäßig bekommen haben. Wer schon einmal weit gereist ist, wird feststellen, dass an der Nordseeküste ein anderes Zeitungsniveau herrscht als bei uns – das sage ich ganz selbstbewusst.

Was kann die Tageszeitung, was andere Medien nicht können? Und wie muss sich die Tageszeitung entwickeln, damit sie in der heutigen Medienvielfalt bestehen kann?

Wir werden weiterhin in die Qualität unserer Inhalte investieren. Die digitalen Verbreitungswege bieten Segmente an, während die gedruckte Tageszeitung einmal am Tag ein Gesamtpaket mit den relevantesten Inhalten für unsere Region anbietet. Darin ist die Tageszeitung einzigartig. Zugleich entwickeln wir aber digitale Angebote, die wir aus unseren Redaktionen heraus bedienen. Auch sie basieren auf qualitätsvollem und handwerklich gut gemachtem Journalismus.

Laut Zeitungsgründer Johannes Weyl sollte der SÜDKURIER "heimatnah und weltoffen" sein. Gilt dieser Anspruch noch immer?

Wir würden es heute vielleicht anders formulieren, aber der Anspruch ist der gleiche. Wir wollen Partner unserer Leserinnen und Leser sein. Im Grunde sind wir über unser journalistisches Wirken eine Klammer in der Gesellschaft. Außer uns berichtet in dieser Tiefe und Verlässlichkeit niemand über das Vereinswesen und das lokale Kulturgeschehen, über ehrenamtliche Engagements und sportliche Erfolge, über Kommunalpolitik und lokale Wirtschaft in unseren Städten und Gemeinden. Damit meinen wir, einen wesentlichen Beitrag zu leisten für das Gemeinwesen und das Miteinander in der Gesellschaft. Soziale Netzwerke können das nicht ersetzen, weil sie nicht die Gemeinschaft bedienen, sondern immer nur die eigene Gesinnungsgruppe. Darüber hinaus unterstützen wir mit unseren Medienpartnerschaften herausragende Veranstaltungen in den Bereichen Kultur, Sport, Soziales und schaffen so einen Mehrwert für die Gesellschaft.

In den Anfangsjahren konzentrierte sich der SÜDKURIER mit viel Pioniergeist auf die Tageszeitung. Inzwischen ist das Unternehmen viel breiter aufgestellt. Wieviel Pioniergeist steckt noch in diesem Haus?

Dieses Erbe tragen wir in der Tat immer noch in uns und wir werden es bewahren. Was uns auszeichnet, ist eine sehr innovationsfreudige und veränderungsfähige Unternehmenskultur. Wir sind neugierig geblieben und greifen neue Ideen auf. Wir sind auch in der Lage, sie konzeptionell umzusetzen und am Markt zu platzieren. Wir sind der Dienstleister für regionale Information und Kommunikation. Da beherrschen wir jedes Handwerk, angefangen vom Druckhandwerk bis hin zu Internet-Entwicklungen, von der Homepage bis zum Online-Shop. Da uns die Ideen nicht ausgehen, müssen wir aber auch schauen, dass uns die Mitarbeiter nicht ausgehen. Wir suchen IT-Fachleute, Webentwickler und starke Journalisten. Es lohnt sich immer, sich bei uns zu bewerben.

Viele Anzeigen wandern ins Netz, viele Kunden bestellen ihre Waren im Internet. Wie sehen Sie diese Entwicklung – eher als Risiko oder eher als Chance?

Zunächst einmal ist es eine Realität. Wenn Anzeigenkunden ihre Werbestrategie auf Online-Medien verlegen, werden sie selbst nachmessen können, ob sie damit erfolgreicher sind als mit einer Printanzeige. Wir sind gut aufgestellt, wir bieten beides an, weil wir die bestmögliche Werbelösung für unsere Kunden wollen. Das gilt für Informationen genauso. Leserinnen und Leser können uns als gedruckte Zeitung lesen, als ePaper auf einem Tablet oder im Mobile-Dienst. Wir bieten unsere Inhalte in gleichbleibender Qualität so an, wie es der Leser wünscht, und nutzen dabei die Vorteile der Digitalisierung, beispielsweise durch einen höheren Aktualitätsgrad im Vergleich zur gedruckten Ausgabe. Dafür findet man in der gedruckten Ausgabe wesentlich mehr Überraschendes, Hintergründiges und Nachdenkliches. Die Leser können sich heraussuchen, was für sie am besten passt.

Im vergangenen Jahr hat der SÜDKURIER seinen 70. Geburtstag gefeiert. Wie sieht der SÜDKURIER in 70 Jahren aus? Gibt es ihn dann überhaupt noch?

Keiner von uns verfügt über Zukunftswissen. Wenn wir uns aber verlegerisch und unternehmerisch konsequent den Marktanforderungen anpassen und die neuen Technologien beherrschen, kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass der SÜDKURIER in 70 Jahren ein ebenso erfolgreiches Medien- und Kommunikationsunternehmen ist wie heute.

Fragen: Dieter Löffler

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Download des Interviews als PDF (SÜDKURIER vom 12.07.2016)